Auf in’s Fegefeuer [Story Samstag]

„Wie alt bist du?“

„Fast 29.“

„Verheiratet?“

„Nein.“

Und schon entgleisen die Gesichtszüge meines Gesprächspartners. Wie kann es nur möglich sein, so kurz vor der alles verändernden „30“ ein Leben als Unverheirateter oder gar Single zu führen? Müsste ich gemäß geltender Privat-TV-Gesellschaftsrichtlinien doch bereits zum dritten Male verheiratet und vermutlich sogar bereits Großvater sein. Eine witzige Vorstellung, allein der Gedanke an die entsetzten Reaktionen. „Du kümmerst dich aber liebreizend um deine kleine Schwester.“ „Sie ist meine Enkelin“.

Doch davon bin ich weit entfernt, erfülle ich doch nicht mal das übliche Klischee. Weder Haus, noch Ehepartnerin, zukünftige Ehepartnerin oder Kind sind vorhanden. Lediglich ein Hund, aber dieser spielt im Klischee letztendlich nur eine Nebenrolle. Das eingangs angedeutete Gespräch wird daher regelmäßig auf mehr oder weniger interessante Weise fortgesetzt und beinhaltet oft furchteinflößende Begriffe wie „Partnerbörsen“, „Disco“ oder gar die Drohung eines Verkupplungsversuchs. Sozusagen also die Ankündigung einer Zwangsheirat und dies nur, damit ich in etwa einem Jahr, bei meinem Eintritt in die Welt der Greise, nicht zum ewigen Fegen der städtischen Straßen und Plätze verdammt werde, sofern mich nicht der reinigende Kuss einer Jungfrau befreit. Die Sünde der Ehelosigkeit führt also geradewegs ins Fegefeuer.

Habe ich schließlich meine Rolle als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Stadtreinigung übernommen, so werde ich diese niemals wieder ablegen können. Dies ist jedenfalls meine Deutung der vielen besorgten Gesichter. Um diesem traurigen Schicksal zu entgehen, soll ich nun die eigentliche Bedeutung der Ehe missachten und schnellstmöglich die Schließung selbiger in die Wege leiten. Doch wäre diese Sünde nicht viel schwerwiegender, als unvermählt das dreißigste Lebensjahr zu beenden? Lieber Fegefeuer als, wie mir bereits mehrfach von ehemals verheirateten Menschen bestätigt wurde, direkt in der Hölle zu landen.

Das Glück lässt sich nicht erzwingen. Die Liebe ebenfalls nicht. Gerade diese sollte für eine Eheschließung jedoch in besonders ausgeprägtem Maße vorhanden sein. Unabhängig des Alters. Und so alt, wie die böse „30“ gern dargestellt wird, fühle ich mich noch lange nicht. Abgesehen davon bleibt die Frage, ob eine Ehe denn überhaupt notwendig ist, denn an den Gefühlen füreinander dürfte sie nichts ändern und die Liebe sollte man sich stets auf ehrliche Art beweisen, nicht im Rahmen irgendeiner Symbolik oder an vorgegebenen Tagen.


Ein Beitrag zu Tante Tex‘ Story Samstag, Thema „Ehe“.

 

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